Philipp Junghans
So ganz MENSCHlich
 

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In meinem Blog verzichte ich zugunsten einer besseren Lesbarkeit auf eine Doppelnennung und gegenderte Bezeichnungen. Die Personenbezeichnungen beziehen sich immer (sofern nicht besonders gekennzeichnet) gleichermaßen auf weibliche, männliche und nicht-binäre Personen.


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22.02.2026

Ikarien

Als Alexandros an diesem Morgen die Augen öffnete, schien die Sonne bereits mit voller Kraft. Ein guter Tag lag vor ihm. Aus dem Fenster seines abgelegenen Gehöftes konnte er seinen Garten und dahinterliegend seinen Weinhang sehen. Er machte sich frisch, zog sich seine schlichte Kleidung an, nur seine blau-grüne Lieblingsstrickjacke stach ein wenig heraus, und begab sich nach draußen. Sein Blick schweifte über die gebirgige, felsige Landschaft. Fast so als würde die Luft die karge Landschaft wieder gut machen wollen, wehte ihm eine erfrischende Brise in seine Nasenlöcher.  Er schnappte sich sein Klappmesser sowie einen kleinen Sack und machte sich auf seinen alltäglichen Rundgang - erst zu den umliegenden Hängen und dann auf die Küstenfelsen gleich hier in der Nähe. Er sammelte Petersilie, Meerfenchel, Löwenzahn oder Chicorée. Einiges davon wollte er später in Pasteten verbacken und den Rest zu einem schmackhaften Salat verarbeiten.

Auf seinem Weg begegnete er seinen Nachbarn Ilias und Eline, sowie Philipos und Thea, die das gleiche taten wie er. Er lud sie heute Abend zu sich zum Abendessen ein. Zusammenhalt war für Alexandros seit jeher von hoher Bedeutung. Seine Loyalität gehörte seiner Familie, seiner Frau Aleka, seinen Nachbarn, Freunden und Mitmenschen und mit einigem Abstand Griechenland.

Während er Kräuter sammelte, backte seine Frau Aleka einen Kuchen und seine Lieblingskekse. Alexandros wusste, dass er ohne seine Frau vielleicht nicht mehr hier wäre. Sie schenkte ihm Fürsorge, Liebe und das süße Leben. Sie hatten sich vor 31 Jahren kennen gelernt. Sie sind sich vorher ein paar mal am Strand begegnet, doch es begann ernsthaft zwischen ihnen zu knistern als Alexandros mit Aleka beim Panigiria-Fest mit anderen Dorfbewohnern zusammen den Ikariotikos tanzte. Nach dem Tanz nahm er all seinen Mut zusammen und ging auf sie zu. Er erinnert sich noch sehr genau an das Kribbeln in seiner Seele, als er sie ansprach und sie ihn herzlich anlächelte. Sieben Jahre später heirateten sie und Alexandros war zurück im Leben. Jetzt gingen beide regelmäßig im Meer schwimmen, versorgten Garten und Weinberg und unternahmen ausgedehnte Spaziergänge die Hügel auf und ab.

Nach einem kleinen Mittagessen bestehend aus Bohnen, Olivenöl, Sauerteigbrot und einem Glas kräftigem Rotwein machte Alexandros wie gewöhnlich ein kleines Nickerchen. Anschließend traf er sich mit Ioannis, seinem lebenslangen Freund vom Nachbargehöft, zu einer Partie Domino. Danach gingen die beiden in den Dorfladen in dem Daphne arbeitete um ein wenig mit ihr zu flirten. Beide Männer hatten schon seit der Schulzeit ein Auge auf sie geworfen, doch über das Flirten hinaus hat sich nie etwas entwickelt.

Alexandros schaute den ganzen Tag selten auf seine Armbanduhr. Wenn er die Zeit wissen wollte, blinzte er für gewöhnlich nur kurz zum Kirchturm. Am liebsten beobachtete er die Menschen um sich herum, um daran abzulesen, welche Tageszeit sein mochte.

Heute war die Uhrzeit wichtiger als sonst. Alexandros hatte zum Abendessen eingeladen. Seine Kinder, seine Enkel, seinen Freund Ioannis, seine Nachbarn Ilias und Philipos mit ihren Frauen Eleni und Thea. Es gab hausgemachten Wein, Kartoffeln, Hülsenfrüchte wie Kichererbsen, Schwarzaugenbohnen und Linsen, Ziegenkäse, griechischen Salat mit Minze, natürlich Honig, Sauerteigbrot und viel Olivenöl.

Er feierte heute seinen Geburtstag – seinen Hundertsten.

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Alexandros ist ein fiktiver 100-jähriger Bewohner der griechischen Insel Ikarien. Ikarien gehört zu einer kleinen Gruppe von Orten, in denen Menschen signifikant häufiger ein hohes Lebensalter (über 90 Jahre) erreichen und dabei deutlich weniger alterstypische Erkrankungen aufweisen. Zahlreiche Wissenschaftler haben sich mit diesem Phänomen der Langlebigkeit beschäftigt und sogenannte Blue Zones definiert. Dan Buettner beschreibt in seinem Buch (siehe Quellenangabe) folgende Blue Zones: Loma Linda in Kalifornien, die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica, Sardinien in Italien, Ikarien in Griechenland, Okinawa in Japan und Singapur.

Auf Ikarien werden die Menschen im Durchschnitt acht Jahre älter als ein Durchschnittsamerikaner. Sie leiden dabei halb so häufig an Herzerkrankungen und weisen eine Demenzrate von einem fünftel zur Vergleichsgruppe auf. Insgesamt gibt es auf Ikarien 10 000 Bewohner, die abgeschottet von modernen Einflüssen, ein eher traditionelles Leben führen - geprägt durch Arbeit, Einfachheit, sozialen Zusammenhalt, gesundes Essen und einen aktiven Lebensstil bis ins hohe Alter.

Typische Verhaltensmuster der Menschen auf Ikarien:

- tägliche Bewegung in bergigem Gelände, Gartenarbeit, Spaziergänge zum Nachbarn oder ins Dorf
- mediterrane Ernährung, besonders Fenchel, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, natives Olivenöl, Oregano, Rosmarin, Salbei, wildes Blattgemüse, Zitronen, sowie Honig, weniger Fisch und Fleisch als anderswo, Kräutertees, Ikarischer Kaffee in einer kleinen Kanne namens Briki serviert
- Ein tägliches Nickerchen (führt erwiesenermaßen zu einem 35% geringeren Risiko an einer Herzerkrankung zu sterben)
- gelegentliches Fasten im Sinne einer kalorischen Restriktion (30% der Kalorien einer normalen Ernährung werden eingespart), in Ikarien fast die Hälfte des Jahres nach dem griechisch-orthodoxen Kirchenkalender
- Pflege der sozialen Kontakte (Familie und Freunde zuerst)

Diese Verhaltensweisen senken das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, ungewollte Stürze, Bluthochdruck, Fettleibigkeit, Depression und Einsamkeitserleben.

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Formel der Langlebigkeit (nach Dan Buettner) aus allen untersuchten Blue Zones:

1. Natürliche Bewegung: kein Fitnessstudio oder Marathon, sondern regelmäßige körperliche Aktivität wie Gartenarbeit, Essenszubereitung, Putzen, Spaziergänge zu Freunden, in die Kirche oder der fußläufige Weg auf die Arbeit

2. Zielbewusstsein: Das Gefühl, dass das Leben einen Sinn hat, die Nicoyaner nennen es plan de vida, die Okinawaner nennen es ikigai: frei übersetzt „warum ich morgens aufwache“, damit ist weniger die Verpflichtung durch Job, Pflege von Angehörigen oder Kinderbetreuung gemeint, sondern zu wissen, was einem Freude und Zufriedenheit bringt, es geht um Aktivitäten und Gemeinschaften, die ein befriedigendes und erfüllendes Gefühl vermitteln, dieses Zielbewusstsein reduziert das Risiko für Alzheimer, Arthritis und Schlaganfälle

3. Abschalten vom Stress: regelmäßige Tätigkeiten die Stress abbauen in den Tag integrieren, zum Beispiel Zeit zum Gedenken nehmen, beten, Nickerchen halten, Happy Hour veranstalten, Treffen für gemeinsame glückliche Momente (Fußball schauen, Musik hören, gemeinsam Grillen und Scherzen), Zeit in der Natur verbringen, Pause von Verpflichtungen

4. Die 80%-Regel: es bedeutet langsam zu essen und nur so lange zu essen bis man zu 80% gesättigt ist. Da es bis zu 20 Minuten dauert bis der Magen dem Gehirn mitteilt, dass er voll ist, führt die 80%-Regel dazu, weniger Nahrung aufzunehmen, dies führt zu einer Verlangsamung des Stoffwechsels und zu einer reduzierten Produktion schädlicher Oxidantien

5. Eher Vegetarisch: in den Blue Zones werden hauptsächlich leicht verarbeitete pflanzliche Nahrungsmittel zu sich genommen, besonders Vollkornerzeugnisse, Gemüse und Nüsse, Fleisch wird in den Blue Zones nur etwa zwei Mal die Woche gegessen (Menge etwa Kartenspielgröße)

6. Wein/Sake/Bier: ein maßvolles (maximal ein bis zwei Gläser pro Tag!) Trinken mit Freunden oder zum Essen, wird das Maß überschritten, gehen alle Vorteile verloren

7. Zugehörigkeit: viele Hundertjährige sind gläubig und gehören einer Glaubensgemeinschaft an, die Glaubensrichtung ist nicht entscheidend, sondern eher das Engagement in einer Gemeinschaft (z.B. einem Chor, Freiwilligenarbeit, Ehrenamt, Gottesdienste)

8. Die Lieben zuerst: hier ist familiärer Zusammenhalt, ein Miteinander über Generationen hinweg, Partnerschaft und Nähe gemeint, das Ziel ist ein „Wir-Gefühl“ in der Familie, dies senkt die Krankheits- und Sterblichkeitswahrscheinlichkeit aller Beteiligten und erhöht die eigene Lebenserwartung

9. Die richtigen Leute: ein soziales Netzwerk, welches gesunde Ernährung, aktive Lebensführung und das emotionale Wohlbefinden begünstigt, Menschen mit schädlichen Verhaltensmustern im eigenen Umfeld reduzieren eher die eigene Lebenserwartung, während mindestens drei Menschen die uns guttun Kraft, Energie und Freude vermitteln

„Ein Mensch ist die Summe der Menschen, mit denen er die meiste Zeit verbringt.“

Quellenangabe und Buchempfehlung:
Buettner D. (2023), Das Geheimnis der 100-Jährigen – Entdeckungsreise in die Blue Zones der Welt, 2. Aufl., National Geographic

© [2|2026|PhilippJunghans]

Admin - 13:56 @ | 588 Kommentare





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