Philipp Junghans
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22.09.2021

Mit Sagan durchs All

Die Faszination für den Weltraum besteht nicht erst seit den ersten Weltraumspaziergängen oder den ersten Mondmissionen. Die Sehnsucht nach den Sternen und der zwischen ihnen liegenden Dunkelheit beschäftigt den Menschen seit seinen Anfängen. Doch erst kürzlich haben die technischen Veränderungen es dem Menschen ermöglicht, tatsächlich hinauszufliegen und selbst zu schauen, was über unseren Köpfen geschieht.

Am 20. August und am 5. September 1977 starteten zwei Raumkapseln aus Cape Canaveral/Florida mit dem Namen Voyager 1 und Voyager 2. Sie durchquerten unser Sonnensystem, streiften dabei Jupiter, Saturn und Uranus und verließen anschließend unser bekanntes Sonnensystem, um weitere Bereiche des Weltraums zu erkunden.

An Bord der Kapseln befinden sich neben Kameras und wissenschaftlichen Instrumenten auch zwei Bild-Ton-Platten. Auf diesen Platten sind Zeugnisse der menschlichen Zivilisation gespeichert, als Botschaft für mögliche, weit entfernte außerirdische Organismen, die vielleicht nicht morgen oder übermorgen, aber irgendwann, diese Platten finden und somit Kenntnis von unserer Existenz erhalten werden.

Wie ein Kontakt zwischen uns und fremden Lebewesen aussehen könnte, regte die Fantasie unzähliger Schriftsteller und Filmemacher an. Die Realität gestaltet sich gern ein wenig nüchterner und scheitert letztendlich an den unermesslich großen Entfernungen und Zeitabständen die außerhalb unseres Horizontes existieren. Die Entfernung der Erde zu unserer Sonne beträgt 1 Astronomische Einheit (entspricht ca. 150 Millionen Kilometer). Die Entfernung der Erde bis zu unserem nächsten bekannten Stern beträgt mehrere hunderttausend Astronomische Einheiten (im Juli 2021 befindet sich Voyager 1 bereits ca. 153,39 AE von unserer Sonne entfernt). Somit ist es naheliegend, dass unsere gewohnten zeitlichen Vorstellungen von Jahren oder Jahrzehnten im Weltraum kaum Bedeutung haben.

Doch was genau befindet sich auf den Bild-Ton-Platten? Natürlich waren die technischen Möglichkeiten in den 1970ger Jahren ganz andere, als sie uns heute zur Verfügung stehen. Heutzutage speichert jeder mehr Daten auf seinem Handy, als es damals möglich bzw. praktikabel war ins All zu schicken. Die Platten (zwei mit Gold überzogene Schallplatten aus Kupfer) wurden u.a. mit folgendem Inhalt ausgestattet: 118 Bilder, Grußworte des damaligen Präsidenten der USA und des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Grüße in 54 Sprachen, Wal-Grüße, Geräusche der Erde und zuletzt; mit den Bildern und den Grüßen in den Weltsprachen wohl am wichtigsten – Musik.

Die Bilder (teilweise farbig) zeigen grundlegende Aspekte des menschlichen Lebens: die Erde, unseren Mond, die Sonne vom Weltraum aus gesehen, schematische Darstellungen der menschlichen DNS, anatomische Zeichnungen des menschlichen Körpers, schematische Zeichnungen einer Befruchtung einer weiblichen Eizelle, die anschließende Zellteilung, Bilder einer Geburt, Eltern mit ihren Kindern, Kinder und eine Familie, die in einer Gruppe zusammensitzen, das Meer, Bäume, die Jahreszeiten, Insekten, Delphine, Reptilien, Menschen bei der Jagd, Bewegungsabläufe von Sportlern, Menschen beim Lernen, Einkaufen, Kochen, Essen, verschiedene Wohnhäuser, sowie das Hauptquartier der Vereinten Nationen, das Sidney Opera House, die Golden Gate Bridge, Radioteleskope, einen Raumfahrer, einen Raketenstart, Vögel vor der untergehenden Sonne und als letztes Bild, eine Geige neben einer abgebildeten Partitur (die Cavatina aus Beethovens Streichquartett Nr. 13; die gleichzeitig das letzte Musikstück auf der Platte darstellt).

Die ganz individuellen Grußbotschaften der Voyager-Kapseln wurden in 54 Sprachen aufgenommen. Ein Gruß, der in Amoy (eine von 30 Millionen Menschen gesprochene Sprache in Ostchina) aufgenommen wurde, lautet ins Deutsche übersetzt zum Beispiel: „Freunde im Weltraum, wie geht es Euch allen? Habt ihr schon gegessen? Kommt und besucht uns, wenn ihr Zeit habt.“ 14 offizielle Sprachen sind nicht auf der Platte vertreten, u.a. Albanisch, Katalanisch, Bulgarisch, Isländisch, Mongolisch, Norwegisch oder Filipino.

Die Grußbotschaften sind nach den Worten von Linda Sagan: „… eine Verherrlichung des menschlichen Geistes, die unsere Geselligkeit betont, unsere Freude daran, dass wir soziale Geschöpfe sind, und unseren Wunsch zum Ausdruck bringt, bei dieser unserer ersten Ansprache ans Weltall für redegewandt gehalten zu werden. Wir sagen hier, dass Sprache wichtig ist und das wir ein Zwiegespräch mit einer anderen Zivilisation irgendwo im Weltall begrüßen würden, ja tatsächlich begeistert darüber wären.“ (S. 166*)

Die enthaltenen Musikstücke wurden auf 87 ½ Minuten Laufzeit gepresst und sollten neben einer Anmut, die mit einer solchen Erbschaft vereinbar ist, auch die Vielfalt der Völker der Erde abbilden (S. 206*). Die Platte beginnt mit Johann-Sebastian Bach und einem Teil des Brandenburgischen Konzertes. Es folgen, um hier nur einige zu nennen: Initiationsgesang der Pygmäen-Mädchen, Senegalesische Schlaginstrumente, Melancholy Blues von Louis Armstrong, Japanische Shakuhachi-Musik, die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts´ Zauberflöte, Lied einer bulgarischen Hirtin, Nachtgesang der Navajos, der erste Satz aus der 5. Sinfonie von Beethoven und als Abschluss der Platte, die bereits erwähnte Cavatina aus dem Streichquartett Nr. 13 von Beethoven.

Carl Sagan war maßgeblich an der Entwicklung der Voyager-Platten beteiligt. In seinem Buch Signale der Erde zitiert er einen seiner wissenschaftlicher Berater (S. 19*) wie folgt: „Es besteht nur eine unendlich kleine Chance, dass jemals ein einziges außerirdisches Wesen von der Platte Kenntnis nimmt, aber Milliarden von Erdenbewohnern werden es sicher tun. Die eigentliche Funktion dieser Platte ist es daher, sich auf den menschlichen Geist zu berufen und ihn zu verbreiten, die Berührung mit außerirdischer Intelligenz aber zu einer willkommenen Hoffnung der Menschheit zu machen.“

Was sich nicht auf den Platten befindet sind Bilder von Verbrechen, Armut oder Zerstörung. Es gibt keine Bilder von Hiroschima oder My Lai, keine Eltern die ihre Kinder anschreien, keine Pistolen und keine Gräber. Die Macher der Platten waren sich im Klaren darüber, dass Leid und Zerstörung natürlich Bestandteile des menschlichen Erlebens sind. Sie wollten mit den Platten jedoch etwas erschaffen, was den Menschen selbst überleben sollte und sie wollten das Schlimmste von uns nicht in die Galaxis schicken.

Zum Abschluss ein Zitat, was die Absicht dieses noblen und irgendwie herzerwärmenden Projektes demonstriert: „Wie primitiv wir auch erscheinen, wie unfertig diese Raumkapsel auch sein mag, wir wussten genug um uns als Bürger des Kosmos vorzustellen. (…) Wie klein wir auch sind, etwas in uns war groß genug, um uns ausgreifen zu lassen nach unbekannten Entdeckern, in Zeiten, da wir längst untergegangen oder bis zur Unkenntlichkeit verändert sein werden. (…) Wer oder was immer ihr seid, auch wir lebten einst in diesem Sternenhaus, und wir dachten an euch.“ (S. 209*).

*Quelle:
Sagan, Drake, Lomberg et al.: Signale der Erde. Unser Planet stellt sich vor. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München/Zürich 1980, ISBN 3-426-03676-2

© [09|21|PJ]

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