Philipp Junghans
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06.07.2022

Zwei Arten von Geist

Beginnen wir mit dem ersten Typus Geist, der hier Der haftende Geist genannt werden soll. Dieser Geist ist der Hüter der Tradition. Er liebt das Bekannte und Gewohnte. Er schafft Sicherheit und Konstanz. Würde er in einem Haus leben, so wäre er am liebsten darin geboren, aufgewachsen, verheiratet worden und gestorben. Hier haben wir einen Verfechter von Kontrolle, Sicherheit und Vorhersagbarkeit. Er vermeidet Risiken und wandelt lieber auf bekannten Pfaden. Er beäugt das Fremde, Neue, Ungewohnte mit Vorsicht, Misstrauen und manchmal Ablehnung. Er verabscheut das Unerklärliche, beharrt auf seinen eigenen Glaubenssätzen und würde wohl lieber sterben, als diese zu verraten. Er sucht nach Bestätigung des Bestehenden und würde um Menschen einen großen Bogen machen, die seine Sichtweise kritisieren oder gar in Frage stellen.

Der haftende Geist braucht an sich nicht viel. Er kommt mit wenig aus und genießt was er hat. Er mag es gemütlich und nett. Zu viel Spannung ist ihm unangenehm, weshalb er sie meist zu meiden sucht. Die Gefahr des haftenden Geistes liegt in seiner Verhärtung und damit unflexiblen Art und Weise. Andere würden sagen, er sei rückwärtsgerichtet, zukunftsscheu und irgendwie altbacken. Zu häufig verliert er sich im Trott. Sein So-sein verkommt dann zu einer dauernden Wiederholung des Immergleichen.

Womit wir zum zweiten Geist kommen, der hier Der dynamische Geist genannt werden soll. Er ist die nach außen gewandte Kraft, die nach dem Neuen sucht. Er sehnt sich nach der Herausforderung, dem Risiko, dem Unbekannten. Er möchte sich beweisen und sich entwickeln. Er möchte seine bisherige Stellung auf ein neues Level heben und strebt außen wie innen nach dem Höchsten.

Ein dynamischer Geist ist in Bewegung. Er entdeckt und ist neugierig. Alles eingefahrene und stets Bekannte machen ihn langsam und träge. Unbekannte Dinge scheinen ihn magisch anzuziehen, denn häufig fordern sie seine bisherige Position heraus. Die zuvor gebildete Sichtweise muss angepasst werden, wodurch der Geist wächst und neue Energie bekommt. Der dynamische Geist liebt Kontraste, liebt die Vielfalt, liebt auch den Konflikt. Er ist eine sich bewegende Entität, keine dauerhaft stationäre. Er möchte Lösungen für Probleme finden. Er kann zwei scheinbar gegensätzliche Positionen auf einer höheren Ebene zusammenführen und so echtes Wachstum erschaffen.

Doch auch dieser Geisteszustand kann überhand nehmen und zu viel des Guten werden. Eigene Glaubenssätze, Erfahrungen oder Sicherheiten werden für ein Fortkommen fortwährend geopfert und über Bord geworfen. So manches Gute wurde hier schon vergessen, weil etwas vermeintlich Besseres ins Blickfeld trat. Diese getriebene Suche nach dem immer Besser, immer Weiter und immer Tiefer, verliert sich gerne im Beliebigen, haltlos-flatterhaften Umherirren ohne festen Boden unter den Sohlen, mit verlorener Orientierung dorthin streifend wo es blitzt und donnert. So gibt es kein echtes Zuhause und keine echte Ruhe. Die Lebenszeit zerfließt im Fluss und am Ende bleibt wenig Haltbares zurück.

Wo liegt nun die Lösung dieses geistigen Dilemmas?  Wenn Wurzeln fesseln können und Flügel uns ins Nichts zerstreuen? Ist ein Geist besser als der andere? Welcher ist der Anzustrebende?

Meist beginnt ein Mensch in seinem Leben mit einer bevorzugten Geistesform. Weil es die Eltern so vorleben, weil es attraktiv erscheint oder weil es einen glücklich macht. Im Verlauf des Lebens treten dann häufig auch Nachteile auf, die den bisher bevorzugten Weg in Zweifel ziehen. Nicht wenige pendeln dann genau ins Gegenteil über. So wird aus dem haltlosen Lebemann nicht selten ein begeisterter Sofasurfer. Oder die vormals gesittete junge Frau zur lebenshungrigen Entdeckerin.

Eine weitere Möglichkeit ist der geeinte Geist, der uns hier durch ein stolzes Schiffchen verbildlicht sein soll, welches an der Kielmauer des Hafens ruhig vor Anker liegt und im glatten Wasser dümpelt. Würde dieses Schiff nun Sommer wie Winter ausschließlich im Hafen liegen, mit schweren Tauen an der Mauer festgezurrt, so würde es mit der Zeit wohl schlicht zerfallen. Vom Stillstand zerfressen kann es seinem Zweck nicht nahekommen. Es wäre nur ein schönes Ding zum Anschauen für glotzende Besucher. Wenn das Schiff nun den Hafen verlassen kann und weit hinaus auf Ozeane fährt, dann tut es was es ist. Es bewegt sich im Wasser fort, erreicht neue Orte und bietet Schutz für Mannschaft und Proviant. Würde dieses Schiff nun ohne einen festen Hafen nicht irgendwann auf See verloren gehen? Wäre die Besatzung nicht irgendwann müde vom Entdecken und Erobern? Hätte sie nicht Sehnsucht nach dem heimeligen Herd, dem eigenen Ofen und dem eigenen Bett? Wäre das Schiff, dass nie nach Hause kommt nicht reiner Selbstzweck. All die Geschichten, all die Entdeckungen, all die Fortschritte würden auf den Grund des Ozeanes sinken, sobald das Schiff an hohen Wellen kenterte. Niemand würde es wissen, niemanden würde es interessieren.

Wie schön ist es, nach einer ereignisreichen Reise, zurück in das Bekannte zu kommen, von Abenteuern zu erzählen und ein bisschen Rast und Trott zu finden.

© [07|22|PJ]

Admin - 20:49 | 1 Kommentar





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