Philipp Junghans
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02.05.2021

Quastenflosser in der Krise

Es waren einmal zwei Quastenflosser. Die schwammen vor genau 400 Millionen Jahren durch den Rheischen Ozean und unterhielten sich angeregt über die rasende Verschiebung der Kontinentalplatten. Das Leben war gut und reichhaltig. Plötzlich hörte der erste Quastenflosser auf zu blubbern, da es ihn am Bauch kratzte. Auch der Zweite konnte es jetzt spüren – sie waren auf Land gestoßen. Und plötzlich war sie da: die Charakterprobe, die Prüfung der Geduld, die Reizung des Entwicklungsmuskels. Da war guter Rat natürlich teuer. Der erste Quastenflosser war eher schüchtern, sagte zu sich „Ich bin doch kein Frosch …“, und schwamm zurück in den Ozean. Er blieb für weitere 400 Millionen Jahre ein Quastenflosser. Der Zweite war entschlossener, bemerkte „Na mal gucken“, und robbte sich weiter voran. Er robbte, bis sein Kopf aus dem Wasser ragte. Seine glubschigen Augen erblickten die prächtige Welt. Also nutzte er seine kräftigen Flossen um sich auf dem ungewohnten Terrain weiter voranzustoßen. Er schob sich immer weiter, bis aus ihm schließlich ein Tyrannosaurus Rex – oder ein Brachiosaurus (je nach Geschmack) – geworden war.

Eine Krise, nennen wir sie an dieser Stelle einfach Taylor, ist durch verschiedene Merkmale gekennzeichnet. Taylor kommt scheinbar wie aus dem Nichts, zu den denkbar ungünstigsten Zeitpunkten, und wirft ein mühsam hergestelltes Gleichgewicht (oder Ungleichgewicht) mal eben über den Tellerrand. Dabei stellt sich Taylor mit einer Selbstverständlichkeit mittig auf die volle Tanzfläche, wie sonst kaum jemand. Stillos gekleidet, mit einem Duft von überlagertem Appenzeller windet sich Taylor über das Parkett. Während alle erst einmal auf Abstand gehen, fühlt sich Taylor im Rampenlicht so wohl wie eine Rampenlichtsau im Rampenlicht. Vollgeschwitzt im Tanzwahnsinn fordert Taylor die skeptisch dreinblickenden Zuschauer zum Tanzen auf, was bei den meisten zu erhöhter Verunsicherung führt.

„Soll ich da tatsächlich hingehen, bleibe ich wo ich bin, oder soll ich mir lieber noch einen Mai Tai holen?“, heißt es dann im Publikum. Taylor ist währenddessen nicht zu bremsen. So als hätte Taylor einen Anspruch darauf, fordert si*er mit einer Vehemenz von jedem etwas anderes. Von den Einsamen fordert Taylor lebende Gesellschaft, von den Erschöpften eine ruhige Kugel, von den Orientierungslosen ein gesundes Vorbild, von den Gelangweilten eine Herausforderung, von den Wütenden lässige Gelassenheit, von den Traurigen ehrlichen Trost, von den Ängstlichen beherzten Mut, von den Zweifelnden weittragende Hoffnung, und von den Über-den-Berg-Seienden, dass sie sich jemanden zum Unterstützen suchen.

Taylor ist das Highlight der Veranstaltung. Wer keine Lust auf Taylor hat, bleibt bis zum letzten Song neben der Tanzfläche stehen; wer ein Tänzchen riskiert, wird ih-m/r bald verfallen sein. Vorher bleibt jedes Mitleid ausgeschlossen.

Nachtrag:
Quastenflosser zwei ist inzwischen Mensch geworden, heißt Muriel und geht regelmäßig mit Taylor tanzen. Hin und wieder stellt sich Muriel die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre mit Kumpel Quastenflosser eins ins Meer zurück zu schwimmen …?

Dann hätte er allerdings weder tanzen noch Mai Tai trinken können.

©[05|21|PJ]

Admin - 21:29 | 1 Kommentar

  1. Silke

    13.05.2021

    Ich habe voller Spannung auf den neuen Blogbeitrag gewartet und wurde nicht enttäuscht.
    Zum Nachtag… Gut, dass es immer einen Mutigen gibt, der zu neuen Ufern aufsteigt. Noch besser, dass man auch selbst der Mutige sein kann. Und wer wollte nicht schon immer mal einen neuen Tanz und den Mai Tai probieren?

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