Philipp Junghans
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17.11.2021

Die blaue Armee

Der General trat vor seine Untergebenen und sprach zu ihnen herab: „Gebt mir eine bedingungslos-gehorsame Armee, die für meine Sache kämpft!“
Die Untergebenen nickten und riefen laut im Chor: „Jawohl Sir, Herr General.“

Ein Untergebener nickte nicht und blieb still. Der General sah diese Respektlosigkeit und trat vor ihn. „Warum hast du nicht genickt?“, fragte er. Der Untergebene sah auf den Boden und sagte mit zögerlicher Stimme: „Mein großer General, was sollen wir den Menschen sagen? Der Mensch kämpft nicht gerne ohne Grund.“ Da erzürnte der General, nahm seine Pistole aus dem Halfter und streckte den Untergebenen damit augenblicklich nieder.

Der General trat einen Schritt zurück und richtete sich erneut an alle Untergebenen. „Sagt den Menschen, der Feind ist nah und das Ende gewiss.“
Die Untergebenen nickten und riefen laut im Chor: „Jawohl Sir, Herr General.“

Ein Untergebener nickte nicht und blieb still. Der General sah diese Respektlosigkeit und trat vor ihn. „Warum hast du nicht genickt?“, fragte er. Der Untergebene sah auf den Boden und sagte mit zögerlicher Stimme: „Mein großer General, von welchem Feinde sprecht ihr und welches Ende seht ihr kommen?“ Da erzürnte der General, nahm seine Pistole aus dem Halfter und streckte den Untergebenen damit augenblicklich nieder.

Der General trat einen Schritt zurück und richtete sich erneut an alle Untergebenen: „Jeder, der gegen unsere Sache ist, ist unser Feind. Solange es Feinde gibt, werden wir in Gefahr sein. Sagt also den Menschen, dass der Feind unaufhaltsam ist! Er wird in ihr Land kommen, von ihrem hart verdienten Geld leben, ihre Speisen essen und in ihren Häusern leben. Er wird ihre Familien auseinanderreißen, Frau und Kind vergiften und ihre Seelen unbarmherzig schlucken. 
Sagt ihnen außerdem: Wir sind stark und gerecht. Wir sorgen für die Alten und die Schwachen und verstoßen die Verbrecher und Schmarotzer.“

Das hörten die Untergebenen. Sie nickten und riefen laut im Chor: „Jawohl Sir, Herr General.“ Sogleich liefen sie zu den Menschen und verkündeten die Nachricht des Generals. 
Diejenigen, die den Untergebenen zuhörten, waren froh und erleichtert. Endlich verstand jemand ihre Sorgen und Nöte. Sie schworen sogleich ewige Treue bis in den Tod.

Sodann schickte der General seine neugeformte Armee in den Kampf. An allen Fronten schossen sie mit Stolz und Überzeugung. Die Kämpfe waren unerbittlich und einer nach dem anderen verlor sein Leben.

Nach einer Weile berief der General seine Untergebenen zu sich und fragte: „Wie verläuft der Kampf?“
Da schauten alle auf den Boden und sagten zögerlich im Chor: „Die Verluste sind hoch und die Niederlagen zahlreich.“ 
Da erzürnte der General, nahm seine Pistole aus dem Halfter und streckte jeden Zweiten seiner Untergebenen damit augenblicklich nieder.

Der General trat einen Schritt zurück und richtete sich an die Übrigen: „Wir kämpfen bis zum letzten Mann. Meine Ziele führen zum Sieg.“
Also kämpften die Untergebenen bis zum letzten Mann.

Der letzte Mann trat schließlich vor den General und sagte: „Jawohl Sir, Herr General. Ich habe gekämpft. Alle anderen sind tot.“
„Und haben wir gesiegt?“
„Nein Sir, Herr General.“
Und schon als er diesen Satz aussprach, verstand der Letzte plötzlich. Auf den Wegen der Angst und des Stolzes, verführte der General und nahm sich was er brauchte. Scham und Schuld stiegen in dem letzten Überlebenden hoch – doch bevor die Gefühle weiter um sich greifen konnten, nahm der General schon seine Pistole aus dem Halfter und streckte den Untergebenen damit unbeeindruckt nieder.

© [11|21|PJ]

Admin - 23:00 | Kommentar hinzufügen





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